Die Schweiz stimmt am 27. November über den geordneten Atomausstieg ab. Das ist nötig, weil es der ‚Energiestrategie 2050’ des Bundes an jeglicher Regelung zu den bestehenden fünf Schweizer Atomkraftwerke mangelt. Ein gut geplanter Atomausstieg ergänzt deshalb die Bundesstrategie, schafft Sicherheit für die Bevölkerung und wird auch die Wasserkraft und damit Graubünden stärken. Die strompolitische Schweiz befindet sich in einer Art Blindflug. Auch fünf Jahre nach der verheerenden und weiter schwelenden Atomkatastrophe von Fukushima will die Schweiz zwar aus der Atomkraft aussteigen – im Prinzip. Denn gesetzgeberisch festgelegt ist das bis heute nicht, da die ‚Energiestrategie 2050’ im Parlament noch nicht zu Ende beraten ist. Was heute vorliegt, ist zwar ein durchdachter Masterplan für die Zeit nach der Atomkraftnutzung, doch kein Etappenplan für den Abgang der Atomkraft. Genau das braucht die Stromwirtschaft jedoch, damit Planungs- und Investitionssicherheit für jedes kommunale oder kantonale Elektrizitätswerk entstehen.

Die Schweiz im halben Atomausstieg
Wieso stecken wir in dieser Halbpatzigkeit? Bundesrätin Leuthard hat eine eigentümliche Strategie verfolgt und will offensichtlich die arg gebeutelten Stromkonzerne Axpo & Alpiq schonen. Dort möchte man das AKW-Problem aussitzen, sei es um die grossen finanziellen Konsequenzen des AKW-Rückbaus auf die nächste Manager-Generation zu verschieben, oder um der Atomkraftnutzung doch noch eine Türe offen zu halten. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben: Die Milliardenkosten für AKW-Stillegung, Abbruch und Endlagerung kommen so oder so und die Handlungsfähigkeit der Konzerne stockt – wie auch die Schweizer Energiewende. Das geht auch auf Kosten der Sicherheit der Bevölkerung. Heute droht, dass die Schweizer AKW in ihrer letzten und schadenanfälligsten Betriebsphase unter hohem Risiko ausgefahren werden. Beznau I ist das Paradebeispiel. Es ist seit dem März 2015 aufgrund neu entdeckter Schwachstellen am Herzstück (dem Reaktordruckbehälter) ausser Betrieb, soll aber nach dem Willen der Axpo wieder ans Netz und bis 2030 laufen, das hiesse insgesamt 60 Jahre. Doch Beznau ist schon heute und bei weitem das dienstälteste AKW der Welt! Was eine Atomkatastrophe für die Schweiz bedeuten würde, zeigt die Illustration: Die grössten Agglomerationen würden unbewohnbar, denn dort, wo die Schweiz am allerdichtesten besiedelt ist, stehen die AKW.

Atomausstieg schafft Sicherheit
Deshalb ist es gut und wichtig, dass die ‚Volksinitiative für einen geordneten Atomausstieg’ im Herbst zur Abstimmung kommt. Sie legt für alle 5 Schweizer AKW eine maximal 45 jährige Laufzeit fest.  So gehen die zwei Reaktoren von Beznau und jener in Mühleberg 2017, jener in Gösgen 2024 und der jüngste in Leibstadt 2029 vom Netz. Damit wird garantiert, dass der Atomausstieg geordnet vonstatten geht und die finanziell angeschlagenen AKW-Betreiber Axpo und Alpiq ihre betriebswirtschaftlichen Überlegungen nicht vor die Sicherheit der Bevölkerung stellen können.

 

Freie Bahn für die flexible Wasserkraft
Die Wasserkraft scheint unter Druck zu sein, da sie nicht mehr rentiere, wie von den Elektrizitätsverbänden immer wieder betont wird. Die ETH hat das 2014 untersucht und nannte folgende Gründe: Fortschreitende inländische Strommarktliberalisierung und sinkende Grosshandelspreise auf dem europäischen Markt. Das wiederum kommt daher, dass in der EU der CO2-Zertifikatehandel aus politischen Gründen nicht funktioniert, was zu einem viel zu günstigen Strompreis für Kohle- und Gaskraft führt. Zusammen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien gibt sich so ein Überangebot im Markt. Was uns aktuell als Schweizer Hebel zur Korrektur bleibt, ist die direkte Aufwertung der Wasserkraft durch den Atomausstieg. So werden Überkapazitäten abgebaut. Bildlich gesprochen: Der Atomstrom verstopft die Leitungen und muss weg. Mit einem Ja zum geordneten Atomausstieg verhelfen wir dem ökologischen Energiemix zum Durchbruch und bringen die Wasserkraft ans Ende ihrer Durststrecke. Wir schaffen auch weitere, langfristig sichere Arbeitsplätze im Bau- und Installationsgewerbe. Denn diese Fachkräfte setzen die Energiewende um.

Text von: Kaspar Schuler, Geschäftsleiter Allianz Atomausstieg und Kampagnenkoordinator Volksinitiative für den geordneten Atomausstieg, Malans
Text erschienen im Concret Nr. 3/2016

Weitere Infos:
www.geordneter-atomausstieg-ja.ch
www.atomausstieg.ch
www.umwelt-graubuenden.ch