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Standpunkte

WEF

Medienmitteilung 04.01.2005: WEF-Demo
SP unterstützt WEF-Kundgebung in Chur

Dezember 2003 - Das WEF 2004 / aktualisierte Position
aktualisiert per 12. Dez. 2003


Medienmitteilungen zum WEF 2004

Medienmitteilung 16.1.04:
SP Graubünden zum WEF 2004
Ausnahmezustand für Graubünden unhaltbar!
Kundgebung in Chur ist positives Signal



Medienmitteilung 29.10.2003: WEF 2004
Bundesrat verliert alle Massstäbe in Bezug auf WEF 2004

April 2003 - Position zum WEF in Davos

aktualisiert per 24. April 2003
Die SP Graubünden und das WEF

Medienmitteilungen zum WEF 2003

Medienmitteilung - 25. Januar 2003
Skandalöses Verhalten des Oltener Bündnisses bei der Verhinderung einer friedlichen Demo in Davos


Medienmitteilung 21.01.2003: WEF Davos
Angst ist ein schlechter Ratgeber für eine friedliche Kundgebung


Medienmitteilung 7. Januar 2003
Inakzeptable Einschränkungen der Grundrechte


Medienmitteilung 3. Dezember 2002
Aktuelle Position der SP Graubünden zum WEF

Grundlagen 2002 zur Diskussion ums WEF in Davos

Medienkonferenz vom 20. Juni 2002 zur
Globalisierung und Zukunft des WEF in Davos

Texte zu den Kurzreferate:

Globalisierung und WEF nur mit politischen Leitplanken und kritischer Begleitung
von Peter Peyer, Präsident SP Graubünden

Künftige Ausgestaltung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos:
Neues Forum für eine neue Weltwirtschafts- und Weltfriedensordnung

von Martin Bundi, alt-Nationalrat, Chur

Die Wirtschaft als Friedensstifterin?
Gründe und Bedingungen für eine politische Nutzung des WEF

Laurent Goetschel, Präsident der aussenpolitischen Kommission der SP Schweiz

Resolution zur "Globalisierungsdebatte - wird demnächst aufgeschaltet!

verabschiedet am Parteitag vom 9. März 2002 in Schiers -



Dezember 2003 - Das WEF 2004 / aktualisierte Position der SP Graubünden

aktualisiert per 12. Dez. 2003

Auskunft: Peter Peyer, Präsident, Chur/Trin - 079 629 00 85
Christoph Jaag, Grossrat, Schiers - 081 328 12 72
Johannes Pfenninger, Grossrat und Parteisekretär - 079 610 29 15


Ein paar Fakten
Das WEF ist eine private Veranstaltung unter der Führung von Herrn Schwab. Es bindet aber Jahr für Jahr in grossem Ausmass öffentliche Mittel und Aktivitäten auf allen staatlichen Ebenen (Landschaft Davos, Kanton Graubünden, Bund). Die Rede ist heute von weit über 20 Millionen Franken reinen Sicherheitskosten (budgetierte "Zusatzkosten" von 9 Mio Franken und zudem 18 Mio allein für die 6500 Militärangehörigen). Verschiedene kantonale Departemente, vor allem aber die Polizei, werden durch ihr WEF-Engagement teilweise während des ganzen Jahres von anderen, ebenso wichtigen Aufgaben, abgehalten. Von einer Vollkostenrechnung sind wir weit entfernt. Zudem dürften, gemäss den Erfahrungen der vergangen Jahre die staatlich verordneten Massnahmen zugunsten des WEF und seiner Gäste die persönlichen Freiheiten und Grundrechte der einheimischen Bevölkerung auch für das WEF 2004 im Raum Landquart-Prättigau-Davos in unzumutbarer Weise einschränken: Absperrungen, Ausweiskontrollen, Verkehrsbehinderungen auf Strasse und Schiene, Lockerung der allgemeinen Schulpflicht etc. Eingeschränkt dürfte aber auch wieder die Bewegungsfreiheit und der Komfort der Feriengäste, die mit dem WEF nichts zu tun haben, sein. Zudem beklagen verschiedene Tourismusunternehmen während den Kongresstagen erhebliche Umsatzeinbussen.
Sehr fragwürdig ist aber auch die unter dem Gesichtspunkt der internationalen Lage als notwendig erscheinende weiträumige Absperrung des Luftraums unter Androhung eines Abschusses. Wir befinden uns weder im Belagerungs- noch im Kriegszustand!

Dem stehen gegenüber: ein Prestigegewinn von Davos als Weltkongressort und gute Geschäfte der Erstklass- und Luxushotels. Die positiven Auswirkungen des WEF auf Weltpolitik und Weltwirtschaft sind mindestens umstritten.

Wertschöpfung
Interessant ist die Rechnung, die Andy Bühler in seinem Leserbrief vom Februar 2003 aufmacht:
"Nehmen wir an, dass 23 WEF-Umsatzmillionen für Davos herausschauen und daraus, bei einer Supermarge von 15 %, ein Reingewinn von grosszügigen 3,5 Millionen resultiert, dann würde für die öffentliche Hand im allerbesten Fall noch eine Steuer-Million verbleiben. Dieser Zahl müssten wir fairerweise die 2 Millionen der Davoser Steuerzahler und die rund 4 Millionen von Kanton und Bund gegenüberstellen und vergessen mal elegant die weiteren sehr zurückhaltend veranschlagten 4 - 5 Millionen, welche Militär und Luftwaffe nicht verrechnen, die aber von uns indirekt auch berappt werden. Unter dem Strich bleibt eine durchzogene Image-Bilanz für Davos und ein miserabler wiederkeh-render Rechnungsabschluss für die Landschaft Davos, den Kanton und den Bund. Von einer nachhaltigen Wertschöpfung kann also nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil."

Auch wenn die offizielle WEF-Wertschöpfungsstudie (Bieger) von etwas anderen Zahlen ausgeht muss gerade im Hinblick und unter Berücksichtigung der obigen Ausführungen (Bühler) festgehalten werden dass die Wertschöpfung und der Prestigegewinn absolut in keinem vernünftigen Verhältnis zu den finanziellen Aufwändungen der öffentlichen Hand stehen. Die Schlüsse der Wertschöpfungsstudie müssen als tendenziös und für die politische Diskussion als unbrauchbar bezeichnet werden. Wesentliche Faktoren einer Gesamtbeurteilung insbesondere die erwähnten Aufwändungen der öffentlichen Hand wurden nicht oder kaum berücksichtigt, was aber mindestens beim Fazit bei einer fundierten und ausgewogenen Werschöpfungsstudie unerlässlich wäre.

WEF-Arbeitsplätze
Die ganzjährigen Arbeitsplätze der WEF-Stiftung finden sich nicht in Davos oder sonst wo in Graubünden, sondern im fernen Genf. Davos liefert einfach die winterliche Kulisse für den alljährlichen Januar-Event.

Oeffnung WEF und Demo 03
Das WEF 2003 war gegenüber 2001 zwar offener, aber es blieb trotzdem eine ziemlich elitäre Privatveranstaltung. Die Behörden - vor allem die Bündner Regierung - hatten sich bemüht, 2003 im Unterschied zu 2001 eine Demonstration in Davos zuzulassen (mit Auflagen im Sicherheitsbereich). Trotzdem war es aus verschiedenen Gründen nicht möglich, in Davos eine würdige und kraftvolle Demonstration gegen das WEF, gegen den Krieg, und gegen die ökonomische Globalisierung ohne soziale und ökologische Schranken durchzuführen. Die meisten Demonstrationswilligen blieben in Landquart hängen. Einige wenige bewältigten ihre Frustration mit unpolitischen Krawallen in Bern. Verliererin dieser verunglückten Demonstration war die Antiglobalisierungsbewe-gung, Gewinner waren die WEF-Gäste, die abgeschirmt von der Öffentlichkeit ihren Geschäften nachgingen.


Engagement der SP Graubünden
Die SP Graubünden beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit dem WEF und hat die Bündner Diskussionen massgebend mitgeprägt. Die SP Graubünden akzeptiert das WEF als private Veranstaltung. Sie unterstützt dessen Öffnung (open forum etc.) und mehr noch die von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen lancierten Alternativveranstaltung (public eye). Sie engagiert sich in der Stiftung Spirit of Davos, die bis heute allerdings öffentlich kaum in Erscheinung getreten ist und auch im Hinblick auf das WEF 2004 offenbar nicht aktiv wahrnehmbar sein wird.
Die SP Graubünden unterstützt den Vorschlag von alt Nationalrat Martin Bundi, das WEF substantiell umzugestalten. Nach diesem zukunftsgerichteten Konzept mit einer lösungsorientieren Diskussions- und Kooperationskultur "würden sich in Davos Leute aus allen Regionen der Welt, die vier zahlenmässig gleich starke Gruppen vertreten, treffen: Politiker; Wirtschaftsleute; Vertreter von sozialen Organisationen und Hilfswerken; Vertreter von Umwelt- und Naturschutzverbänden. Nach Diskussionen in diesen Gruppen würden Plenums-Diskussionen an einem gemeinsamen Tisch stattfinden; unterstützt durch weltweit bekannte Experten aus der Wissenschaft, insbesondere von Friedensforschungsinstituten und -organisationen. Die im Konsens erarbeiteten Empfehlungen des neuen Davoser Forums könnten sich, begleitet von Handlungsanweisungen, an die nationalen Regierungen und Parlamente, an die regionalen Organisationen und an die UNO richten. Auf diese Weise liessen sich sukzessive eine weltweite Annäherung des Rechts, eine Stärkung der humanitären Grundsätze, eine Milderung der sozialen Not, ein besserer Schutz der bedrohten Natur und Umwelt, eine auf echter Nachhaltigkeit gegründete Wirtschaftsordnung und vor allem eine aussichtsreiche Weltfriedensordnung anstreben und erreichen."

Seit Beginn der Auseinandersetzungen um das WEF legt die SP ihr Hauptgewicht auf die Einhaltung der verfassungsmässigen Grundrechte, insbesondere Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Bewegungsfreiheit - diese sollen nicht nur für WEF-TeilnehmerInnen gelten, sondern für die ganze Bevölkerung und alle Gäste. In diesem Sinne setzt sich die SP Graubünden dafür ein, dass wie im Vorjahr das Demonstrationsrecht auch in Davos selber gewährleistet wird, ohne dass die SP dabei selber aktiv an einer Demo oder deren Organisation mitzuwirken gedenkt. Sicherheitsmassnahmen und Kontrollen in einem vernünftigen Rahmen sind zu akzeptieren. Die Einrichtung einer militärischen Sperrzone in und über Davos wird aber weiterhin klar abgelehnt.


Wie weiter?
Vergleicht man die heutigen Fakten mit den aktuellen SP-Positionen, ist die Diskrepanz gross: Das WEF entwickelt trotz open forum, public eye und Spirit of Davos eine unerwünschte Eigendynamik. Die Grundrechte werden allen Anzeichen nach auch 2004 wieder massiv eingeschränkt werden und die Sicherheitsmassnah-men werden immer aufwändiger. Zudem setzt der Kanton Graubünden derzeit einschneidende Sparmassnahmen in den verschiedensten Bereichen durch, derweil die Kosten fürs WEF weiter zu steigen drohen.
Fazit: die Durchführung des WEF in Davos ist nicht kompatibel mit einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Sein gesellschaftlicher Nutzen steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand. In der heutigen Form hat das WEF in Davos keine Zukunft. Zudem sind am Willen und an der Fähigkeit des WEF, sich grundsätzlich zu reformieren, erhebliche Zweifel angebracht.

Davos und Graubünden tun gut daran, sich ganz auf einen qualitativ hochwertigen, grundrechtsverträglichen, bezahlbaren Tourismus zu konzentrieren. Dazu gehört durchaus auch ein hochwertiger Kongresstourismus, aber der Verzicht auf die Durchführung des WEF im aktuellen Rahmen ist zwingend. Auch Kongresstouris-mus muss nachhaltigen Kriterien standhalten können, wobei das WEF auch 2004 diese Voraussetzung klar nicht erfüllen wird.

Aktuelle Themenfelder für Kongresse und Tagungen gäbe es genug: so zum Beispiel einen Runden Tisch zur Sanierung der Staatsfinanzen und des Gesundheitswesens mit Beteiligung von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Parteien usw. als inländische Brennpunkte, oder international die Entwicklung im Alpenraum (mit positiven Inputs für die Ratifizierung der Alpenkonvention durch die Schweiz), ein internationaler Kongress zur Einführung der Tobin Taxe; Kongresse zur Frage der weltweiten Migrationsbewegungen, Wasserknappheit, Kindersoldaten usw. usw.
Die Stiftung "Spirit of Davos" hat unsere in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können. Sie hätte besonders in den obigen Polit-Bereichen durchaus aktiv werden können und bezüglich der Wertschöpfung für Davos auch durch nachhaltig vertretbare Ersatzveranstaltungen Alternativen anbieten oder initieren sollen.

Die Bevölkerung von Davos unterstützt ihr WEF, das hat sie in der Oktober-Abstimmung klargestellt. Doch weitere Regionen, so insbesondere das Prättigau, das Gebiet um Landquart sowie das Albulatal, werden durch das WEF und die damit wiederkehrenden Vorkehrungen massiv belastet, ohne dass ihre Bevölkerung davon wertschöpfungsmassig profitieren oder sich an einer Volksabstimmung dazu hätte äussern können.


Kantonale Volksabstimmung
Für die jährlich wiederkehrenden finanziellen Aufwändungen des Kantons Graubünden in Millionenhöhe fehlte in den letzten Jahren die Rechtsgrundlage. Auch wenn nun durch den neuen Kostenteiler zwischen Bund, Kanton, Landschaft Davos und WEF der Anteil des Kantons unter die Summe für ein Finanzreferendum fällt, bleibt ein schaler Nachgeschmack, insbesondere es sich bei diesen Kosten nur um die Zusatzkosten und in keiner Weise um eine Vollkostenrechnung handelt . Da neben dem massiven Einsatz von öffentlichen Mitteln für die Durchführung des Privatanlasses WEF in Davos auch weite Teile des Kantons durch die "Begleitumstände" tangiert sind, könnte nur eine kantonale Volksabstimmung die demokratische Legitimation bringen.





SP - Graubünden - 24. April 2003

April 2003 - Position zum WEF in Davos

Die SP Graubünden und das WEF

Das folgende Positionspapier beschreibt den Stand der SP-Diskussion im Frühjahr 2003. Es bildet die Grundlage für die kurz bevorstehenden Entscheide im Hinblick auf das WEF 2004.


1. Ein paar Fakten
Das WEF ist eine private Veranstaltung unter der Führung von Herrn Schwab. Es bindet aber von Jahr zu Jahr mehr öffentliche Mittel und Aktivitäten auf allen staatlichen Ebenen (Landschaft Davos, Kanton Graubünden, Bund). Die Rede ist von 15 Millionen Franken reinen Sicherheitskosten. Verschiedene Departemente, vor allem aber die Polizei werden durch ihr WEF-Engagement von anderen, ebenso wichtigen Aufgaben abgehalten (etwa die dringend nötigen systematischen Schwerverkehrskontrollen auf der A 13!). Zudem schränken die staatlich verordneten Massnahmen zugunsten des WEF und seiner Gäste die persönlichen Freiheiten und Grundrechte der einheimischen Bevölkerung im Raum Landquart-Prättigau-Davos in unzumutbarer Weise ein: Absperrungen, Ausweiskontrollen, Verkehrsbehinderungen auf Strasse und Schiene, Lockerung der allgemeinen Schulpflicht etc. Eingeschränkt ist aber auch die Bewegungsfreiheit und der Komfort der Gäste, die mit dem WEF nichts zu tun haben. Zudem beklagen verschiedene Tourismusunternehmen erhebliche Umsatzeinbussen. Sehr fragwürdig ist schliesslich die weiträumige Absperrung des Luftraums unter Androhung eines Abschusses. Nota bene: wir befinden uns in Friedenszeiten!

Dem stehen gegenüber: ein Prestigegewinn von Davos als Weltkongressort und gute Geschäfte der Erstklass- und Luxushotels. Die positiven Auswirkungen des WEF auf Weltpolitik und Weltwirtschaft sind mindestens umstritten.

Interessant ist die Rechnung, die Andy Bühler in seinem Leserbrief vom Februar 2003 aufmacht. "Nehmen wir an, dass 23 WEF-Umsatzmillionen für Davos herausschauen und daraus, bei einer Supermarge von 15 %, ein Reingewinn von grosszügigen 3,5 Millionen resultiert, dann würde für die öffentliche Hand im allerbesten Fall noch eine Steuer-Million verbleiben. Dieser Zahl müssten wir fairerweise die 2 Millionen der Davoser Steuerzahler und die rund 4 Millionen von Kanton und Bund gegenüberstellen und vergessen mal elegant die weiteren 4 - 5 Millionen, welche Militär und Luftwaffe nicht verrechnen, die aber von uns indirekt auch berappt werden. Unter dem Strich bleibt eine durchzogene Image-Bilanz für Davos und ein miserabler wiederkehrender Rechnungsabschluss für die Landschaft Davos, den Kanton und den Bund. Von einer nachhaltigen Wertschöpfung kann also nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil."

Hinzu kommt, dass die ganzjährigen WEF-Arbeitsplätze nicht in Davos oder sonst wo in Graubünden angesiedelt sind, sondern im fernen Genf. Davos liefert einfach die winterliche Kulisse für den alljährlichen Januar-Event.

Das WEF hat sich 2003 gegenüber 2001 substantiell geöffnet. Aber es bleibt eine ziemlich elitäre Privatveranstaltung. Die Behörden - vor allem die Bündner Regierung - gaben sich einige Mühe, im Unterschied zu 2001 eine Demonstration in Davos zuzulassen (mit einigen Auflagen im Sicherheitsbereich). Trotzdem war es aus verschiedenen Gründen nicht möglich, in Davos eine würdige und kraftvolle Demonstration gegen das WEF, gegen den Krieg, und gegen die ökonomische Globalisierung ohne soziale und ökologische Schranken durchzuführen. Die meisten Demonstrationswilligen blieben in Landquart hängen. Einige wenige bewältigten ihre Frustration mit unpolitischen Krawallen in Bern. Verliererin dieser verunglückten Demonstration ist die Antiglobalisierungsbewegung, Gewinner sind die WEF-Gäste, die abgeschirmt von der Öffentlichkeit ihren Geschäften nachgehen.


2. Die bisherige SP-Position
Die SP Graubünden beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahren intensiv mit dem WEF und hat die Bündner Diskussionen massgebend mitgeprägt. Die SP Graubünden akzeptiert das WEF als private Veranstaltung. Sie unterstützt dessen Öffnung (open forum etc.) und mehr noch die von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen lancierten Alternativveranstaltung (public eye). Sie engagiert sich im Spirit of Davos, der bis jetzt allerdings noch nicht sehr weit gediehen ist.

Die SP Graubünden unterstützt den Vorschlag von alt Nationalrat Martin Bundi, das WEF substantiell umzugestalten. Nach diesem zukunftsgerichteten Konzept "treffen sich in Davos Leute aus allen Regionen der Welt, die vier zahlenmässig gleich starke Gruppen vertreten: Politiker; Wirtschaftsleute; Vertreter von sozialen Organisationen und Hilfswerken; Vertreter von Umwelt- und Naturschutzverbänden. Nach Diskussionen in diesen Gruppen finden Plenums-Diskussionen an einem gemeinsamen Tisch statt; unterstützt werden diese Tagungsteilnehmer durch weltweit bekannte Experten aus der Wissenschaft, insbesondere von Friedensforschungsinstituten und -organisationen. Die im Konsens erarbeiteten Empfehlungen des neuen Davoser Forums können sich, begleitet von Handlungsanweisungen, an die nationalen Regierungen und Parlamente, an die regionalen Organisationen und an die UNO richten. Auf diese Weise liessen sich sukzessive eine weltweite Annäherung des Rechts, eine Stärkung der humanitären Grundsätze, eine Milderung der sozialen Not, ein besserer Schutz der bedrohten Natur und Umwelt, eine auf echter Nachhaltigkeit gegründete Wirtschaftsordnung und vor allem eine aussichtsreiche Weltfriedensordnung anstreben und erreichen."

Die SP setzt sich dafür ein, dass in Davos eine grosse und kraftvolle WEF- und globalisierungskritische Demonstration möglich ist, wobei sie unumgängliche Sicherheitsmassnahmen und Kontrollen akzeptiert. Die Einrichtung einer militärischen Sperrzone in und über Davos wird abgelehnt.

Seit Beginn der Auseinandersetzungen um das WEF legt die SP das Hauptgewicht auf die Einhaltung der verfassungsmässigen Grundrechte - diese gelten nicht nur für WEF-TeilnehmerInnen sondern für die ganze Bevölkerung und gewöhnliche Gäste. Tangiert sind vor allem die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und die Bewegungsfreiheit.


3. Wie weiter?
Vergleicht man die heutigen Fakten mit den bisherigen SP-Positionen, ist die Diskrepanz gross: Das WEF entwickelt trotz open forum, public eye und Spirit of Davos eine unerwünschte Eigendynamik. Die Grundrechte werden massiv eingeschränkt, die Sicherheitsmassnahmen werden immer aufwändiger, der Kanton steht vor einschneidenden Sparmassnahmen, derweil die Kosten fürs WEF explosionsartig steigen. Eine eindrückliche, bunte und friedliche Demonstration in Davos kommt nicht zustande (im Unterschied etwa zur Friedensdemo in Bern!).

Fazit: die Durchführung des WEF in Davos ist nicht kompatibel mit einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Sein gesellschaftlicher Nutzen steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand. In der heutigen Form hat das WEF in Davos keine Zukunft. Zudem sind am Willen und an der Fähigkeit des WEF, sich grundsätzlich zu reformieren, erhebliche Zweifel angebracht.

(Zwischenbemerkung: Die Diskussionen und Ereignisse um den G 8-Gipfel in Evian werden zeigen, dass es auch dort unannehmbare Konflikte mit den Grundwerten einer offenen, demokratischen Gesellschaft geben wird).

Davos und Graubünden tun gut daran, sich ganz auf einen qualitativ hochwertigen, grundrechtsverträglichen, bezahlbaren Tourismus zu konzentrieren. Dazu gehört durchaus auch ein hochwertiger Kongresstourismus. Der Verzicht auf die Durchführung des WEF aber ist zwingend.

Hingegen könnte die Stiftung "Spirit of Davos" einen nachhaltigen Kongresstourismus nach Davos bringen. Dazu müssten die zuständigen Akteure und die Geschäftsführerin aber jetzt dringend aktiv werden und endlich mit einem klaren Konzept an die Öffentlichkeit treten. Ansonsten kann die Übung getrost abgebrochen werden.

Themenfelder für die Stiftung gäbe es genug: Einen Runden Tisch zur Sanierung der Staatsfinanzen und des Gesundheitswesens mit Beteiligung von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Parteien usw. als inländische Brennpunkte.

Möglich wären auch Kongresse zur Frage der Entwicklung im Alpenraum (mit positiven Inputs für die Ratifizierung der Alpenkonvention durch die Schweiz); ein internationaler Kongress zur Einführung der Tobin Taxe; Kongresse zur Frage der weltweiten Migrationsbewegungen, Wasserknappheit, Kindersoldaten usw. usw.

Zunächst aber hat aufgrund einer Initiative der SP Davos das Davoser Volk das Wort. Diese Abstimmung wird deutlich machen, wie die Davoser Bevölkerung real zum WEF steht. Doch das ist nicht alles: für die jährlich wiederkehrenden finanziellen Aufwändungen des Kantons Graubünden in Millionenhöhe fehlt die Rechtsgrundlage. Diese erfordert eine Botschaft der Regierung, einen referendumsfähigen Beschluss des Grossen Rates und allenfalls eine kantonale Volksabstimmung. Dann erst ist die von der öffentlichen Hand massgeblich mitfinanzierte Durchführung des WEF in Davos demokratisch legitimiert und rechtens.

Kontakt und Infos:
Peter Peyer - 079 629 00 85
Andrea Hämmerle - 081 655 16 30







Medienkonferenz der SP Graubünden vom 20. Juni 2002
zur Globalisierung und zur Zukunft des WEF in Davos

Globalisierung und WEF nur mit politischen Leitplanken
und kritischer Begleitung

von Peter Peyer, Präsident SP Graubünden

Die SP Graubünden erachtet den Prozess der Globalisierung als nicht umkehrbar. Allerdings darf sich die Globalisierung nicht auf Geld, Güter und Dienstleistungen beschränken, sondern muss ebenso Wissen, Bildung, Kultur, Öko- und Sozialstandards beinhalten. Die Politik muss der Globalisierung enge Leitplanken geben. Die SP Graubünden ist überzeugt, dass die Glo-balisierung nur dann zu mehr Wohlstand und Gerechtigkeit führt, wenn sie auf fairen Bedin-gungen beruht und die Anliegen der Ärmsten und der Umwelt berücksichtigt werden.

Der weltweite Handel mit Gütern, Dienstleistungen und Finanzen muss hohen Anforde-rungen bezüglich Sozial- und Umweltverträglichkeit genügen. Dazu sind von den politischen Instanzen verbindliche Standards zu erlassen. Es müssen Instrumente geschaffen werden um Staaten- und Wirtschaftsinstitutionen, die solche Standards nicht einhalten, mit Sanktio-nen zu belegen.

Der weltweite Wettlauf um Standort- und Steuervorteile muss unterbunden werden. Die globalen Finanzströme sollen mit einer Steuer belastet werden. Die Tobin-Steuer ist rasch zu verwirklichen. Aber auch innerhalb der Schweiz führt das Gerangel der verschiedenen Regio-nen um Standort- und Steuervorteile zunehmend zu Schwierigkeiten für Randregionen und Gebiete mit Zentrumslasten. Die zügige Umsetzung einer materiellen Steuerharmonisierung ist deshalb gerade für Graubünden dringend.

Der weltweit rasant zunehmende Abbau des Service Public durch sogenannte "Strukturan-passungsprogramme" von IWF und Weltbank sind zu stoppen. Die Versorgung mit Strom, Wasser, Bildung, Gesundheit und (sozialer) Sicherheit ist durch den Staat selbst oder von ihm kontrollierte Institutionen sicherzustellen. Der "neoliberale Abbau-Geist" wirkt sich auch in der Schweiz, insbesondere bezüglich der Randregionen und somit Graubünden negativ aus. Die Qualität des Service public, speziell im Bereich der Gesundheitsversorgung, der Post-dienste, der Bildung, der Telekommunkation oder der Energieversorgung muss weiterhin staatlich gewährleistet sein.

Wirtschaftliche und politische Treffen wie etwa WTO-Runden, G8-Gipfel, WEF usw. bedürfen der kritischen Begleitung durch die Medien, durch Politik und Gesellschaft und Vertre-terInnen von NGOs. Das Ziel muss sein, mit friedlichen Mitteln mehr Transparenz und Ein-fluss auf Diskussionsthemen und Entscheidungen zu erreichen. Die verfassungsmässigen Grundrechte der KritikerInnen, Einheimischen und Gäste müssen zu jedem Zeitpunkt ge-währleistet werden, insbesondere die Meinungsäusserungs-, Versammlungs- und Bewe-gungsfreiheit. Medien und NGO-VertreterInnen sollen ungehindert Zutritt erhalten.

Aus diesen Gründen unterstützt die SP Graubünden insbesondere unabhängige Foren, die zur vermehrten kritischen Diskussion zwischen Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wis-senschaft beitragen. Allerdings bedürfen solche Foren einer unabhängigen Trägerschaft und Finanzierung, insbesondere auch durch den Staat. In diesem Sinne begrüsst die SP Grau-bünden auch die durch die Trägerschaft von Bund, Kanton Graubünden und Landschaft Da-vos geschaffene Stiftung "In the Spirit of Davos", die einen Gegenpol zum einseitig auf der Ökonomie basierenden WEF bilden kann. Die Stiftung "In the Spirit of Davos" darf aber nicht Vorwand dazu sein, die Kritik am WEF zu unterbinden. Vielmehr soll "In the Spirit of Davos" einen ersten Versuch bilden, das WEF durch ein breit abgestütztes, demokratisch legitimier-tes und ausgewogen zusammengesetztes Forum für eine neue Weltwirtschafts- und Weltfrie-densordnung zu ersetzen bzw. zu ergänzen, so wie es von alt-Nationalrat Martin Bundi skiz-ziert wurde.

Im Weiteren verweisen wir auch auf den beiliegenden Resolutionsentwurf, den die SP Grau-bünden mit einer noch stärkeren Gewichtung auf der Globalisierungsproblematik an der De-legiertenversammlung der SP Schweiz vom 22. Juni 2002 in Lausanne einbringen will.


Medienkonferenz vom 20. Juni 2002

zur Globalisierung und zur Zukunft des WEF in Davos

Künftige Ausgestaltung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos:
Neues Forum für eine neue Weltwirtschafts- und Weltfriedensordnung

von Martin Bundi, alt-Nationalrat, Chur

Ausgangslage

Nach dem unbefriedigenden Verlauf des WEF von Davos im Januar 2001 war man sich in weiten Kreisen einig, dass es so nicht weiter gehen könne. Eine breit angelegte Diskussi-on führte in der Folge zu einem Vorstosss des SP-Grossrates Johannes Pfenninger, wor-auf die Bündner Regierung Peter Arbenz mit der Verfassung eines Berichtes beauftragte. Dieser empfahl im Rahmen eines sogenannten "Spielfeld-Szenarios", die Organisationen der WEF-Gegner in intensiv-kritischer Auseinandersetzung in die Diskussionen der bishe-rigen WEF-Teilnehmer einzubeziehen. Dieses Konzept bedürfe jedoch, so Arbenz, länger-fristiger Planung, grundvertraglicher Abmachungen zwischen WEF, den Basisorganisatio-nen und dem Staat und einer neuen Projektorganisation. In einem so gestalteten Szenario erblickte der Verfasser des Berichts die Chance, Spannungen, Konfliktpotenzial und Si-cherheitsaufwand zu mindern und für Davos, Graubünden und die Schweiz eine Image-verbesserung zu erzielen.

Im Oktober 2001 nahm der Grosse Rat des Kantons Graubünden von diesem Bericht so-wie von einer Reihe von der Regierung beschlossenen Massnahmen Kenntnis. Leider fand in diesem Zusammenhang eine inhaltliche Diskussion über den künftigen WEF-Kurs nur in Ansätzen statt. Nachdem feststand, dass das Forum 2002 in New York stattfinden und erst 2003 wieder Davos zum Zuge kommen würde, schien das Interesse an der WEF-Diskussion nachzulassen. Zwar machte sich eine "Initiativgruppe" unter der Leitung von Peter Arbenz, gemäss den Beschlüssen der Bündner Regierung, an die Arbeit: Sie sollte im Rahmen des Spielfeld-Szenarios die von der Regierung und den beteiligten Part-nern beschlossenen Empfehlungen umsetzen, diese in einen "Masterplan" zusammenfüh-ren und die vorbereitenden Massnahmen im Hinblick auf die Umsetzung des "Spirit of Da-vos" unverzüglich an die Hand nehmen.

Nachdem Davos in die Ferne gerückt war, schien "unverzüglich" die Bedeutung von "lang-sam" anzunehmen. Schade, dass die Zeit-Chance nicht besser genutzt wurde. Von der betreffenden Arbeitsgruppe wurde unterdessen (Frühjahr 2002) ein "Spirit of Davos"- Kon-zept vorgelegt. Dieses schlägt eine Plattform vor für Anlässe, Seminare und Diskussions-foren zwischen Vertretern der Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Zur Finanzierung und Organisation solcher Anlässe beschlossen Bund, Kanton und die Ge-meinde Davos, eine mit Fr. 300'000.- Anfangskapital dotierte Stiftung "In the Spirit of Da-vos" zu gründen und zu tragen. Diese Stiftung soll durch eine Geschäftsstelle und einen Beirat (bestehend aus Vertretern von NGOs und Fachexperten) unterstützt werden. Sie wird unabhängig von den "langfristigen Entscheiden des WEF über die Durchführung von zukünftigen Anlässen in Davos" errichtet. Das Konzept nennt ferner Ziele und Strategien, die dem "Spirit of Davos" im "Zeichen einer nachhaltigen, gerechten und sozial verantwor-tungsvollen Globalisierung" zugrundeliegen sollen, unterbreitet Vorschläge für die Veran-staltungen und äussert sich zum Verfahren (Ausschreibung, Projekteingabe, Genehmi-gung, Evaluation) für die Durchführung der Anlässe. Angaben über das konkrete Vorge-hen im Hinblick auf das WEF 2003 in Davos liegen nicht vor.

Keine blühende Wirtschaft ohne Frieden
In der Zwischenzeit gibt es kaum Anzeichen, dass sich die Wirtschaftsordnung und die Friedensausichten in der Welt gebessert hätten; im Gegenteil verschärfen sich die Wohlstandsgegensätze im Rahmen neoliberaler Ideologien und spitzen sich die Konflikte, wie z.B. in Palästina, zusehends zu. Die Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn Frieden un-ter den Menschen herrscht. Darum tut Eile Not sowohl hinsichtlich einer besseren Welt-wirtschafts-, als auch einer Weltfriedensordnung. Das Konzept der Arbeitsgruppe Arbenz enthält positive Ansätze zum kritischen Dialog über die relevanten Fragen des menschli-chen Zusammenlebens, und es stellt einen ernsthaften Versuch dar, die verschiedenen Vertreter der Zivilgesellschaft einzubinden. Die Frage ist allerdings, ob die so anvisierten Anlässe lediglich als Parallelveranstaltungen neben dem WEF (Politik und Wirtschaft) stattfinden, oder ob sie gleichberechtigt im Kernprogramm des WEF integriert werden sol-len. Ohne eine volle Integration aller relevanten Kräfte werden sich kaum Konsenslösun-gen und konkrete Handlungsanweisungen finden lassen.

Standort Davos als Chance für humanitäre Tradition und Tourismus
Unabhängig vom Fortbestand des jetzigen WEF in Davos ist deshalb ein Konzept anzu-streben, das über das vorliegende der Arbeitsgruppe Arbenz hinausführt und nebst einer neuen Weltwirtschaftsordnung auch eine Weltfriedensordnung zum Ziele hat. Davos, Graubünden und die Schweiz könnten eine einmalige Chance wahrnehmen: der humani-tären und friedenspolitischen Tradition der Schweiz neuen Impuls und Inhalt verleihen und nunmehr als Mitglied der UNO einen wohl weltweit begrüssten Akzent setzen.

Projekt für ein neues Weltfriedensforum
Als Ergänzung zum vorliegenden Projekt des "Spirit of Davos" wird deshalb das folgende umfassendere Konzept anvisiert, dem allenfalls eine schrittweise Annäherung zu Grunde liegen könnte: Es treffen sich in Davos Leute aus allen Regionen der Welt, die vier zah-lenmässig gleich starke Gruppen vertreten: Politik; Wirtschsftsleute; VertreterInnen von sozialen Organisationen und Hilfswerken; VertreterInnen von Umwelt- und Naturschutz-verbänden. Nach Diskussionen in diesen Gruppen finden Plenumsdiskussionen an einem gemeinsamen Tisch statt. Unterstützt werden diese TagungsteilnehmerInnen durch welt-weit bekannte ExpertInnen aus der Wissenschaft, insbesondere von Friedensforschungs-instituten und -organisationen. Die im Konsens erarbeiteten Empfehlungen des neuen Davoser Forums können sich, begleitet von Handlungsanweisungen, an die nationalen Regierungen und Parlamente, an die regionalen Organisationen und an die UNO richten. Auf diese Weise liessen sich sukzessive eine weltweite Annäherung des Rechts, eine Stärkung der humanitären Grundsätze, eine Milderung der sozialen Not, ein besserer Schutz der bedrohten Natur und Umwelt, eine auf echter Nachhaltigkeit gegründete Wirt-schaftsordnung und vor allem eine aussichtsreiche Weltfriedensordnung anstreben und erreichen.


Medienkonferenz der SP Graubünden vom 20. Juni 2002

zur Globalisierung und zur Zukunft des WEF in Davos

Die Wirtschaft als Friedensstifterin?
Gründe und Bedingungen für eine politische Nutzung des WEF

Laurent Goetschel, Präsident der aussenpolitischen Kommission der SP Schweiz

Es gab Zeiten, in denen bereits die Öffnung der nationalen Grenzen für den Handel und die Gewährung möglichst weitreichender nationaler und internationaler wirtschaftlicher Freiheiten als Beitrag zum Weltfrieden bezeichnet wurden. Mehr wirtschaftlicher Aus-tausch wurde einerseits mit mehr internationaler Verflechtung und Vernetzung und ande-rerseits mit gesteigertem Wohlstand gleichgesetzt. Beide sollten friedensfördernd wirken. Auf dieser Grundlage wurde auch das WEF von seinen Gründern immer wieder als Frie-densprojekt gepriesen.

Die aufgestellte Gleichung ist jedoch zu einfach: Zusätzlicher wirtschaftlicher Austausch nähert uns nicht zwingend einer "besseren Welt". Sogar das Gegenteil ist oft der Fall: Wirtschaftliche Beziehungen können konfliktverschärfend wirken, indem sie einer unglei-chen wirtschaftlichen Entwicklung der Interessenvertreter ("stakeholders") in Spannungs-gebieten Vorschub leisten und damit Spannungen schüren, zur Finanzierung kriegesfüh-render Parteien beitragen, den Wiederaufbau kriegsgeschädigter Gebiete erschweren oder sonst falsche Anreize für das Verhalten von Akteuren setzen. Hinzu kommen weite-re negative Auswirkungen im sozialen und ökologischen Bereich, die sich indirekt auf das Konfliktverhalten der Akteure auswirken können.

Kurzum: Will die Wirtschaft als Friedensstifterin auftreten, muss sie dies gezielt machen und sich entsprechenden Bedingungen und Herausforderungen stellen. Dazu gehört die Realisierung, dass das eigene Verhalten Auswirkungen auf das Verhalten der Konflikt-parteien hat. Auch dazu gehört, dass ein adäquates friedensförderndes Verhalten sich ebenfalls positiv auf die eigenen wirtschaftlichen Interessen im Sinne einer Stabilisierung der entsprechenden Region auswirken kann. Dies gilt natürlich nicht für Unternehmen, die aus einer Fortsetzung von Konflikten Nutzen ziehen und damit deren Verlängerung bewusst in Kauf nehmen oder gar fördern.

Erste entsprechende Anstrengungen und Entwicklungen sind international im Gang. Sie haben jedoch insgesamt noch wenig konkrete Ergebnisse erbracht. Zu vieles harzt noch auf der Stufe der Sensibilisierung internationaler Wirtschaftsakture, zu vieles harrt noch der Umsetzung. Der im Jahre 1999 am WEF in Davos lancierte "Gobal Compact" hat einen Austauschprozess zwischen der UN und einigen grossen internationalen Firmen in Gang gebracht. Die entsprechenden Prinzipien sind jedoch nie präzis definiert worden und die Kriterien für die Zugehörigkeit zum Global Compact sind reichlich schwammig. Verschiedenste Verhaltenskodizes wurden von NGOs entwickelt. Ihnen fehlt es jedoch an internationaler Reputation, an Umsetz- und damit Überprüfbarkeit und letzten Endes an erwiesenen Konsequenzen mit Blick auf ihre friedensfördernde Wirkung.

Damit ergibt sich für Davos die Gelegenheit, anknüpfend an die Tradition des WEF einen Schritt in eine neue Richtung zu unternehmen: Die Rolle der (Welt-)wirtschaft bliebe der Ausgangspunkt. Die Veranstaltung wäre jedoch klar auf politische Aspekte wirtschaftli-chen Verhaltens ausgerichtet, insbesondere auch mit Blick auf ihre Auswirkungen auf Konflikte und Friedensförderung. Die Herausforderung ist beträchtlich, die damit verbun-dene Chance jedoch auch, aus dem WEF und seiner Erfahrung heraus das weltweit be-deutendste Forum für Fragen politischer wirtschaftlicher Ethik zum Thema Frieden auf-zubauen.

Davos könnte zu einem Symbol werden für wirtschaftliche Nachhaltigkeit mit Fokussie-rung auf politische und ethische Kriterien. Dafür müsste das Forum diesen Fragen den ihnen gebührenden zentralen Platz einräumen. Sie dürften nicht mehr als "Garnitur" oder "Window-Dressing" dienen, sondern müssten den Kern der Veranstaltung bilden. Damit verbunden wären Auswirkungen auf die Konzeption der gesamten Veranstaltung, die Trägerschaft und die Liste der Teilnehmenden. Sicher wäre auch das ganze Vorhaben stark zu redimensionieren, damit inhaltliche Qualität und Originalität vor der Länge illust-rer Namen von Politikern und Wirtschaftsvertretern zu stehen kommt. Wenn es aber Or-ganisatoren und Gastgebern um eine gute Sache geht, wie sie den Verlautbarungen ent-sprechend ursprünglich auch dem WEF Pate gestanden ist, sollten diese notwendigen Restrukturierungen keine unüberwindbaren Hindernisse bieten. Die kürzlich gegründete Stiftung "Spirit of Davos" könnte den entscheidenden ersten Anschub dafür liefern.

Prof. Laurent Goetschel ist auch Geschäftsführer der Schweizerischen Friedensstiftung (neu: swisspeace) sowie Dozent für Politikwissenschaft am Europainstitut der Uni Basel.


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