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Standpunkte
Tourismus
SP-Graubünden - Neufassung Tourismuspapier vom April 2006
Tourismus in Graubünden - Tourismus für Graubünden
Positionen, Thesen und Forderungen der SP Graubünden
Texte zur Medienkonferenz vom 3. Mai 2006 - hier lesen
Der Tourismus ist der stärkste Wirtschaftszweig im Kanton Graubünden. Rund ein Drittel der gesamten Bündner
Wertschöpfung wird im Tourismusbereich erwirtschaftet. Die SP Graubünden anerkennt den grossen Stellenwert
des Tourismus auf die Volkswirtschaft in Graubünden. Der Tourismus bringt im ganzen Kanton, in der einzelnen
Region und in der Gemeinde Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Lebensqualität für die Wohnbevölkerung.
Der Tourismus in unserem Kanton darf wachsen, quantitativ und qualitativ. Er kann wachsen: Das Potenzial wäre
da, die Landschaft ist attraktiv.
A) Die grundsätzlichen Positionen der SP-Graubünden
Die SP will einen starken Tourismus. Dazu sind notwendig:
- zukunftsfähige, öffentliche Strukturen: starke Gemeinden und Regionen, sinnvolle, touristische Grossdestinationen
und ein adäquates Einbinden der touristischen Ergänzungsgebiete
- die soziale Verträglichkeit im Tourismus: Orientierung an der kulturellen und landschaftlichen Vielfalt,
Austausch und Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen, Tourismus-Sensibiltät in der einheimischen Bevölkerung
fördern, Einhaltung von Anstellungsbedingungen und Gesamtarbeitsverträgen
- ein respektvoller Umgang mit der Natur. Die Natur bildet das Rückgrat für unseren Tourismus, sie
beinhaltet viel Potenzial für den ganzen Wirtschaftssektor,
- das Bekenntnis zur dezentralen Besiedlung - Standortfaktoren stärken
- die Stärkung der Berglandwirtschaft - Synergien für den Tourismus nutzen: Alpwirtschaft, Landschaftspflege,
Verdienstmöglichkeiten für Bäuerin und Bauer, Profilierung mit einheimischen Qualitätsprodukten
etc.
- Sichtweise und Entscheidungswege breit vernetzen, Gesprächskultur pflegen und bei Veränderungen unterschiedlich
orientierte Interessensgruppen früh einbinden
B) Konkrete Anliegen
1. Produkte verbessern
1.1. Gastfreundlich sein
Graubünden soll sich als Ferienland gastfreundlich zeigen. Dazu gehört Freude, Interesse, Hilfsbereitschaft
und allgemein Offenheit aller im Tourismus engagierten, aber auch der Bevölkerung. Es muss im Interesse aller
Leistungsträger liegen, dass sich unsere Gäste bei uns wohl fühlen. Besonders die Beschäftigung
von einheimischem Personal schafft willkommene Brücken zwischen Gast und Gastgeber, die ständige Aus-
und Weiterbildung sowie die Anerkennung guter Leistungen motivieren nicht nur hier, aber besonders in diesem Bereich!
1.2. Touristische Packages
Der Wintergast profitiert sehr häufig von umfassenden Angebotsbündeln. Neben Unterkunft, Verpflegung,
Sportgerätemiete und Skipass sollten touristischen Packages vermehrt auch Angebote aus dem reichen Kulturbereich
umfassen (Museumsbesuch, Theater, Konzert, Film, Comedy etc.). Im Sommer-Tourismus werden heute meist nur Einzelleistungen
angeboten, oft fehlen ‚All-inclusive-Angebote'. Auch hier erwartet der Gäst gebündelte Leistungspakete
mit Aktivität, Wohlbefinden, Entspannung und Ausgleich. Im Kulturbereich sind neue Angebote vielfach noch
zu schaffen und mit allen anderen Einzelleistungen zusammenhängend zu vorbestimmten Preisen anzubieten. Der
hauptsächliche Nutzen solcher Massnahmen liegt in der längeren Verweildauer und in einem vielfältiger
ansprechenden Ferienerlebnis.
1.3. Nationalpark, Unesco Weltkulturerbe, Biosphärenreservate, Naturparks
Schutzgebiete zielen grundsätzlich darauf ab, den künftigen Generationen weitgehend intakte, zusammenhängende
Naturlandschaften zu erhalten. Solche Gegenden wirken besonders im Tourismus anziehend, das trifft auf das wachsende
Potential an sog. 'naturnahen' Gästen aus der ganzen Welt (SECO-Studie) besonders stark zu.
Der bestehende Schweizerische Nationalpark ist weiter aufzuwerten, wir stehen einer flächenmässigen Erweiterung
mit Zonen extensiver Nutzung positiv gegenüber. Die Vorarbeiten für einen zweiten Nationalpark im Gebiet
Adula sind bereits weit fortgeschritten, wir unterstützen dieses Projekt und setzen uns mit Nachdruck für
seine Realisierung ein.
Die Schaffung des Biosphärenreservats Val Müstair bietet zudem die einzigartige Chance, ein grosses,
zusammenhängendes und grenzüberschreitendes Schutzgebiet im Herzen Europas entstehen zu lassen, zusammen
mit dem Schweizer Nationalpark und dem italienischen Stelvio-Nationalpark, erstmals und einzigartig auch einschliesslich
einem Unesco Weltkulturerbe, dem Kloster St. Johann, Müstair.
Die besonders potenzialschwachen Regionen Graubündens sind gefordert, Erfolg versprechende Wege in die Zukunft
einzuschlagen. Da eine Ansiedelung von Industrie und Gewerbe wohl kaum zum erhofften Erfolg führen wird, sollte
ihr stärkstes Kapital, die weitgehend naturbelassene Landschaft, in einer verträglichen Art genutzt werden
können. Die Schaffung von weiteren Naturparks in GR soll insbesondere diesen Gebieten offen stehen. Die öffentliche
Hand (Kanton, Regionalorganisation) soll zudem mit Überblick und Kompetenz mithelfen, diese Talschaften unter
Einbezug weiterer Entwicklungsideen (sozialpädagogisches Umfeld, Bildungs- und Kulturplatz etc.) in eine prosperierende
Richtung zu begleiten.
1.4. RhB
Mit der Rhätischen Bahn verfügt der Kanton Graubünden über einen Gästemagnet erster Güte.
Der touristische Nutzen der Kleinen Roten liegt in der spektakulären Streckenführung, in gewagten Kunstbauten
und einer abwechslungsreichen, oft rauen Gebirgswelt. Wir unterstützen die aktuellen Vorbereitungen der RhB,
die Bahnstrecke Albula-Bernina (Thusis-Tirano) zum UNESCO-Weltkulturerbe küren zu lassen. Die Benennung wird
die Wertschöpfung entlang der Strecke und im ganzen Kanton sowie die touristische Angebotsvielfalt nicht nur
für Bahnbegeisterte sondern auch für Feriengäste aus aller Welt weiter steigern.
Die Bahnwagen der RhB legen zwar eindrücklich Zeugnis ab von viel Qualitätsbewusstsein. Ein grosser Teil
des Rollmaterials ist sehr, sehr alt, doch aus heutiger Sicht überholt. Besonders die enge Bestuhlung und
die unruhige Fahrweise erfüllen heutige Erwartungen in eine entspannende Bahnreise wohl kaum. Der Gast (und
mit ihm der tägliche Pendler) sollte einen Mindeststandard erwarten können. Wir begrüssen die eingeleitete
Modernisierung des RhB-Rollmaterials ausdrücklich, ebenso alle Investitionen, die auf eine flüssigere
Verkehrsbewältigung abzielen und die sicherheitsfördernden Bahnhoferneuerungen.
1.5. Landwirtschaft
Im Bereich Landwirtschaft ist die Strukturbereinigung voll im Gang, Betriebe verschwinden. Der allgemeine Spardruck
wird diesen Bereich auch weiterhin stark treffen, da die Bauernbetriebe überdurchschnittlich stark von Direktzahlungen
abhängig sind. Der Tourismus ist auf Bauern und Bäuerinnen angewiesen, Synergien bestehen und sind noch
besser zu nutzen.
- Einheimische Produkte stiften im Tourismus, in der Gastronomie und Hotellerie, Mehrwert und Profil und Mehrwert
(Trend zu qualitativ hochstehenden, regionalen Produkten).
- Gepflegte und genutzte Wiesen, Weiden und Alpen präsentieren genau die Welt, die unsere Gäste suchen,
vergandete Gebiete wirken auf den Tourismus abstossend
- Viel Kulturgut hängt mit der Landwirtschaft zusammen oder wird von den darin Tätigen vermittelt (Erzähler,
Gästeführer, Traditionsvermittler)
- Bauern und Bäuerinnen können eine Vielfalt an alternativen Ferien- und Erlebnisangeboten (z.B. Schlafen
im Stroh, 1. Augustbrunch) bieten
- Ihre Arbeitskraft ist insbesondere im Winter gesucht.
1.6. Verbandsbeschwerderecht
Das Verbandsbeschwerderecht bildet heute ein essentielles Instrument, dem geltenden Recht Nachachtung zu verschaffen.
Ueli Forster, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, sagt dem Tagesanzeiger am 18. Januar
2005: In vielen, vor allem kleineren Gemeinden machen einzelne Persönlichkeiten die Meinung - und haben die
Möglichkeit, eine Abstimmung zu beeinflussen. Wenn die Verbände nach einer solchen Abstimmung nicht mehr
gegen ein Projekt Beschwerde führen dürfen, geht mir dies zu weit. Es braucht dieses Korrektiv zu Gunsten
der Natur, die sich selbst nicht wehren kann. Die SP-Graubünden setzt sich gegen jegliches Ansinnen zur Wehr,
das Verbandsbeschwerderecht zu verwässern. Möglicherweise machen Korrekturen im Hinblick auf einen praktikableren
Umgang Sinn. Wir wenden uns aber dezidiert gegen die FDP-Initiative in dieser Sache.
2. Promotion verbessern
2.1. Die Marke Graubünden
Graubünden hat mit der Schaffung der Marke Graubünden eine wichtige Hausaufgaben erfüllt. Das Projekt
findet zunehmend breite Anerkennung. Wir unterstützen ausdrücklich die Vision, die daraus abgeleitete
Mission sowie die Kernwerte der Marke Graubünden: ‚wahr', ‚wohltuend' und ‚weitsichtig'. Die Erfolg der Marke
Graubünden wird daran zu messen sein, wie glaubwürdig das ‚Credo' umgesetzt werden kann, dies insbesondere
im stärksten Wirtschaftszweig unseres Kantons, im Tourismus. Nebst einigen wenigen Destinationsmarken ist
die Marke ‚Graubünden' weiter zu stärken und zwar mit solchen Mitteln, die durch Zusammenfassung von
diversen, für das Marketing unbedeutenden Kleinmarken frei werden.
2.2. Neue Gästegruppen gewinnen (Kultur, Bildungs- und Architekturtourismus)
Graubündens Dreisprachigkeit bildet ein einzigartiges Kulturgut. Dieses und zahlreiche weitere kulturelle
Besonderheiten, diverse Bildungseinrichtungen und eine breite Vielfalt an Architektur und Ingenieurskunst im ganzen
Kanton, historisch und modern, wecken zunehmend auch touristisches Interesse. Entsprechende Begegnungs-, Besichtigungs-
und Erlebensangebote sollen auch die touristische Angebotspalette bereichern, sie sprechen noch ungenügend
bearbeitete Marktsegmente an und setzen einen willkommenen Kontrapunkt zum weit verbreiteten Aktions- und Event-Tourismus
in Graubünden.
Wir befürworten die Milestone-gekrönte Initiative ‚klein und fein' von Graubünden Ferien. Sie verbindet
Tourismus und Kultur optimal. Allerdings ist dieser Bereich eindeutig höher zu dotieren, ein Ausruhen auf
früheren Lorbeeren ist falsch. Im Hinblick auf die die besondere Ausrichtung vieler kleinerer Tourismusorte
und die Marktbedürfnisse von wichtigen, noch ungenügend erschlossener Marktsegmenten, versprechen dieser
Initiative guten Erfolg.
3. Clevere Strukturen
3.1. Gemeinden
Die SP-Graubünden macht sich sei Jahren für eine zukunftsfähige Entwicklung der Gemeindestrukturen
und eine Gebietsreform stark, unsere konkreten Vorstellungen sind in
einem eigenen Positionspapier festgehalten. Starke Gemeinden sind das Rückgrat für sämtliche öffentlichen
Aufgaben. Eine Zersplitterung bindet noch zu viele knappen Ressourcen (Arbeit, Geld, Ideen), weshalb dieser Bereich
unter grossem Erfolgszwang steht.
3.2. Tourismusorganisationen
Wie die Gemeinde- sind auch die heutigen Tourismusstrukturen zu kleinräumig gestaltet, um im nationalen und
internationalen Wettbewerb erfolgreich agieren zu können. Wir unterstützen ausdrücklich die Stossrichtung
der aktuellen Initiative des Amts für Wirtschaft und Tourismus, wonach einige wenige Topdestinationen zu schaffen
sind. Bei dieser drängenden Bündelung knapper Kräfte darf allerdings die Zukunft kleinerer Orte
und touristisch weniger bedeutender Regionen keinesfalls ausser Acht gelassen werden. Solchen Orten ist Möglichkeit
zu einem touristischen Sammeltopf unter der Dachmarke Graubünden zu bieten, sollte ein Zusammengehen mit den
Top-Destinationen scheitern.
4. Infrastruktur
4.1. Verkehr
Eine umweltverträgliche Verkehrspolitik bildet eine wichtige Voraussetzung, wenn's um die Zukunftschancen
unseres Tourismuskantons geht. Der Zustrom von Tagestouristen erhöht statt der lokalen Wertschöpfung
oft nur das Verkehrsaufkommen vieler, ohnehin schon überlasteter Strassen (Prättigauerstrasse, Chur-Lenzerheide,
A13, Surselva). Das Hauptstrassennetz darf von Ortsumfahrungen abgesehen nicht mehr massgeblich erweitert werden.
Berechtigten Investitionsbedarf haben vielmehr die RhB (Streckennetz, Rollmaterial), die Post- und andere öffentliche
Busunternehmen: nur gute, gewährleistet Verbindungen, Taktfahrplan, ein minimaler/angemessener Komfort und
reelle Billettpreise verschaffen dem Öffentlichen Verkehr in diesem Konkurrenzkampf ausreichend gute Voraussetzungen.
Die Tarife der Bergbahnunternehmungen sind mit einer konsequenten Parkplatzbewirtschaftung zu koppeln, ebenso soll
die Anreise mit dem ÖV zum Bezug verbilligter Billette/Abonnemente berechtigen. Das Halbtaxabonnement soll
künftig wieder Anerkennung bei allen Bündner Bergbahnen finden.
Wir wehren uns mit Nachdruck gegen sämtliche Angebote an Helikopter-Rundflügen sowie an Heli-Transporten
zur Ausübung von Sportarten (Ski, Board, Wandern, Paragliding etc.), sie nützen sehr wenigen und belasten
mit ihren Lärm- und Schadstoffemissionen die überwältigende Mehrheit an Einheimischen, Gästen
und Ruhesuchenden. Aus den gleichen Gründen lehnen wir die Freizeitnutzung aller Snowmobiles ab. Ausrangierte
Militärflugplätze dürfen zudem nicht zu neuen Aviatik-Eldorados mutieren.
4.2. Grenzen der Wintersporterschliessungen
Probleme mit der Schneesicherheit in tieferen Lagen, die Kapitalintensität moderner Skigebiete (v. a. Förderanlagen,
mechanische Pistenpräparation, künstliche Beschneiung) und rückläufige Frequenzen setzen den
Unternehmen der Wintersportbranche arg zu. Aufgrund anerkannter Studien sinkt die Anzahl an SkifahrerInnen in der
Schweiz, Europa- und Weltweit. Die Grenzen des Wachstums sind hier aus ökonomischen Gründen offensichtlich
erreicht. Auch wir haben am Niedergang von Seilbahnunternehmen und Skigebieten überhaupt kein Interesse, ein
solcher hätte Entlassungen, eine Minderung der wintersportlichen Attraktivität und den Abfluss lokaler
Wertschöpfung zur Folge.
Doch in Kenntnis vorhandener Überkapazitäten wenden wir uns klar gegen jegliche Neuerschliessung von
Skigebieten und Gebietszusammenschlüsse. Wir wenden uns insbesondere gegen das Ansinnen, die Skigebiete von
Lenzerheide und Arosa miteinander zu verbinden. Hier würden grundlegende Interessen der bis heute intakten
Natur angetastet, weitere Nachteile ergeben sich aus der damit voraussehbaren Abwertung der RhB-Verbindung durchs
Schanfigg und dem zu erwartenden Mehrverkehr auf der heute bereits stark frequentierten Route Chur-Lenzerheide.
Im Hinblick auf eine möglicherweise einmal notwendige Stillegung von Bergbahnen/Skigebieten, sind den Betreibergesellschaften
Rückstellungen zu verfügen, die den vollständigen Rückbau aller Kunstbauten (Masten, Schienen,
Trassen, Betriebsgebäude, Restaurants) decken und diesen innert angemessener Frist nach Betriebsschliessung
auch sicherstellen.
4.3. Weniger Winter, mehr Sommer
Unser Tourismus ist stark winterlastig, d.h. zu sehr nur auf Schneesportarten ausgerichtet. Dies zeigt sich bei
den Bergbahnen oder stärker noch bei den Beherbergungsbetrieben. Da im Sommer mit deutlich weniger Gästen
gerechnet werden kann, bleiben Hotels in dieser Zeit zunehmend geschlossen, mit anerkannt negativen Auswirkungen
auf Arbeitsplätze und Gästebetten, resp. auf die verbleibenden Gäste vor Ort. Verschiedene Initiativen
in den Kurorten, aber auch in verschiedenen Regionen, befassen sich mit dieser Thematik und versuchen mit innovativen
Mitteln Ausgleich zu schaffen. Die SECO-Studie von 2002 bescheinigt dem naturnahen (vorab) Sommertourismus weiterhin
grosse Marktpotentiale. Wir unterstützen alle Anstrengungen, solche Chancen zu nutzen. Ein Erfolgsmoment liegt
in der Bündelung von touristischen Teilleistungen und den Verkauf solcher Packages über professionell
agierende Partner. Touristik, Politik und Regionen sind hier besonders gefordert, den Sommertourismus ernst zu
nehmen und ihn mit den jeweiligen Möglichkeiten aktiv zu fördern. Der Sommertourismus hat durchaus das
Zeug für eine positive Entwicklung, wie erfolgreiche Beispiele belegen (z.B. Via Spluga, ‚klein und fein'
von GRF).
4.4. Öffentliche Mittel für Bergbahnen
Wir haben Verständnis für die Gemeinden und Regionen, die derzeit mit den Bergbahnen gemeinsame Finanzierungsmodelle
umsetzen. Mit Beiträgen, die die Gemeinden verschiedentlich stark beanspruchen, werden Bahnen erneuert, ohne
solche würden diese eingehen, lokal/regional gesehen sind Tourismusattraktivität und Arbeitsplätze
gefährdet. Aus einer Gesamtschau heraus sind diese Tendenzen jedoch stets kritisch zu hinterfragen. Der Schneesportmarkt
schrumpft und Überkapazitäten werden heute kaum bestritten. Die öffentlichen Gelder bewirken so
gesehen eine unerwünschte Strukturerhaltung. Sollte sich der schwache Trend verstärken (Jugend ohne Ski),
sind neben den Bahnen bald auch solche öffentlichen Gelder gefährdet.
4.5. Einheimischen-Vergünstigung für Alle
Der Tourismusverkehr (Lärm, Abgase, Staus, volle ÖV) zu den Kurorten und Bergbahnen belastet die Talschaften
entlang der Verkehrsachsen, besonders in den Winterspitzen oder anlässlich von Grossveranstaltungen. Vielerorts
sieht sich die Bevölkerung solchen Immissionen besonders stark ausgesetzt, ohne dagegen etwas unternehmen
zu können und zudem ohne von irgendeiner Einheimischen-Vergünstigungen bei den verursachenden Schneesportanlagen
profitieren zu können. Eine solche Situation belastet das Verständnis für touristische Anliegen
in der Wohnbevölkerung. Wir fordern hier eine umfassende, einheitliche Vergünstigungsregelung für
die gesamte Wohnbevölkerung unseres Kantons.
4.6. Zweitwohnungsbau
An verschiedenen Orten in unserem Kanton wachsen Zweitwohnungs-Immobilien derzeit wie Pilze aus dem Boden. Darüber
hinaus werden bestehende Hotelzimmer zu Appartements umgebaut. Diese aus verschiedenen Blickwinkeln unerwünschte
Entwicklung muss eingedämmt werden. Zweitwohnungen und Appartements stehen normalerweise wochenlang leer (kalte
Betten) und machen dadurch Tourismusorte zu ‚schlafenden' Dörfern. Verglichen mit den Hotels schaffen sie
nur wenig regionale Wertschöpfung, sie heizen die regionale Baukonjunktur kurzfristig an, sie entziehen der
ansässigen Wohnbevölkerung zahlbare Wohnmöglichkeiten und verbauen das knappe Gut Boden für
die Zukunft. Die absehbare Abschaffung der Lex Koller wird die Nachfrage nach Boden und Zweitwohnungen weiter anheizen.
Wir fordern hier mit Nachdruck eine umfassende Auslegeordnung durch die zuständigen Stellen sowie konstruktive
Vorschläge zur Entschärfung dieser unhaltbaren Situation. Denkbar sind verschieden Möglichkeiten:
z.B. Besteuerung von unbenutzten Betten oder eine Einschränkung von Zweitwohnungs-Baubewilligungen.
5. Engagement Staat differenzieren
5.1. Weniger
5.1.1. Grossveranstaltungseuphorie
Mammutveranstaltungen widersprechen unserer Auffassung von nachhaltiger Entwicklung in unseren Regionen, für
Olympiapläne fehlt auch heute die notwenidge Akzeptanz bei der Bevölkerung. Demgegenüber unterstützen
wir wiederkehrende Grossveranstaltungen (z.B. Ski-WM) im bekannten Rahmen und erachten sie im Hinblick auf eine
bessere Auslastzung von Sportstätten Infrastruktur und als PR-Instrument als sinnvoll. Sie sind allerdings
gut auf die lokalen Gegebenheiten, mit Kultur und mit der Umwelt abzustimmen.
5.1.2. Bezahlung der Wintersportinfrastrukturen durch Gemeinden
vergleiche Pkt. 4.4
5.2. Mehr
5.2.1. Verstärkte Massnahmen gegen den Zweitwohnungsbau
Eines der aktuellsten Herausforderungen in diesem Kanton betreffen den überbordenden Zweitwohnungsbau, der
mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit keinesfalls zu vereinbaren ist (s.o.). Neben dem kurzsichtigen Bodenverschleiss
belastet oft auch die schwache Nutzung von Zweitwohnungen die Ferienqualität unserer Kurorte. Der unerfreulich
hohe Bestand an leer stehenden Einheiten schafft trist und leblos erscheinende Quartiere. Hier soll über eine
Besteuerung von kalten Betten Abhilfe geschafft werden, das heisst, die entsprechenden Gesetze sind auf diese Ziel
hin neu zu definieren.
5.2.2. Arbeitsrecht und Fachbildung
Angestellte im Bereich Tourismus haben Anrecht auf die Einhaltung verlässlicher Arbeitsverträge, im Gastgewerbe
insbesondere des aktuellen LGAV. Ausländische MitarbeiterInnen müssen zu gleichen Konditionen wie Einheimische
angestellt sein.
Die Fachaus- und Weiterbildung ist auf allen Stufen und in allen Bereichen des Tourismus zu stärken, denn
hier investieren wir in die Qualität, in die Zukunft des wichtigsten Wirtschaftszweig Graubündens.
5.3. Anders
5.3.1. Mehrwertsteuer
Der Mehrwertsteuer-Sondersatz (für die Hotel-Teilleistung Übernachten/Frühstück) bleibt weiterhin
unter Druck. Unser Engagement für seine künftige Beibehaltung knüpfen wir an die Forderung, diese
spezifische Hotellerie-Subvention an innovative Elemente einer nachhaltigen Qualitätsverbesserung zu koppeln.
Im Hinblick auf dieses Ziel sind rasch Grundlagen zu erarbeiten, um die Gewährung des Sondersatzes und/oder
allenfalls weiterer Fördermittel für Hotellerie- und Tourismusunternehmungen mit spezifische Auflagen
zu knüpfen, insbesondere an messbar ökologisch, regionalwirtschaftlich und sozial wirksame Leistungen.
Ein solcher Schritt hat sein Vorbild bei den Landwirtschaftssubventionen, wo vor rund 10 Jahren Vorrausetzungen
für eine nachhaltig ausgerichtete Betriebs- und Branchenentwicklung geschaffen wurden. Mit der Steinbockzertifizierung
von Ö-plus, einem wegweisenden bündnerischen Regio-plus - Projekt zur Nachhaltigkeitszertifizierung von
Hotelbetrieben, verfügen wir bereits heute über ein praktikables, unabhängiges und anpassungsfähiges
Mittel zur entsprechenden Leistungsbemessung.
5.3.2. Einbindung anders Denkender
Wer grosse Veränderungen angehen will, tut gut daran, unterschiedlich Interessierte von Anfang an in den frühen
Prozess mit einzubeziehen. Ein solches Vorgehen dient erstens einer breiteren Diskussion, das heisst, allfällige
Gegenargumente kommen frühzeitig auf den Tisch und können entschärft werden, zweitens kann bei politischen
Entscheiden mit einer breiteren Akzeptanz gerechnet werden. Im Kanton Graubünden fehlt vielfach die Kultur,
die hauptsächlichen
MeinungsträgerInnen repräsentativ einzubinden. Aufgrund einer einseitigen, politischen Machtverteilung
werden heute wichtige Interessensgruppen systematisch und von vornherein von jeder Mitwirkung ausgeschlossen.
Die SP Graubünden äussert sich regelmässig auch zu touristischen Aktualitäten, sie bezieht
immer wieder klar Stellung. Sie setzt sich zudem im Bewusstsein der grossen touristischen Wertschöpfung und
vorhandener Potenziale engagiert für eine prosperierende Branchenentwicklung ein. Auch wenn sie in einzelnen
Positionen aufgrund ihrer eigenen Wertehaltung einmal andere Meinungen vertritt, so manifestiert auch dies ihren
erklärten Willen, die touristische Zukunft unseres Kantons mitzugestalten, aktiv mitzuarbeiten, und aus ihrem
Blickwinkel heraus umsetzungsfreundliche Lösungsvorschläge beizutragen. Angesichts dieses konstruktiven
Engagements fordern wir, künftig in die touristische Verantwortung unseres Kantons mit eingebunden zu werden,
namentlich in die verschiedenen Expertengruppen, in den Vorstand von Graubünden Ferien und weitere massgebliche
Organe.
24. April 2006 - SP Graubünden
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